Bewegung und Teilhabe für Menschen mit Demenz

Was hat es mit der Volkskrankheit auf sich, was bedeutet sie für Betroffene und Pflegekräfte, und wie kann Digitalisierung dabei helfen? Erfahrt mehr über das Projekt “WegGefährten”, das Smart City Bamberg zusammen mit der Sozialstiftung Bamberg Altenhilfe gGmbH umsetzt!
Volkskrankheit Demenz – Hohe Dunkelziffer der Erkrankungsfälle
Die „Volkskrankheit Demenz“ macht auch vor den Toren Bambergs nicht Halt. Offiziell sind es rund 4.000 Betroffene in Stadt und Landkreis und rund 9.000 Menschen mit einer Vorstufe der Erkrankung. Die Dunkelziffer der an Demenz Erkrankten ist hoch und aufgrund des demografischen Wandels – die Gesellschaft wird immer älter – wird sich die Situation in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter verschärfen. Was bedeutet das für die Angehörigen und Pflegekräfte? Und wie kann den Betroffenen eine längere Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden?
Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Smart Talks“ des Programms Smart City Bamberg gaben Frau Jutta Weigand von der Sozialstiftung Bamberg sowie Herr Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas von der FAU Erlangen-Nürnberg wertvolle Einblicke in die Pflege von an Demenz erkrankten Menschen. Betroffen sind demnach nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch die Angehörigen und Pflegekräfte. Denn der Umgang mit den Patientinnen und Patienten ist kein leichter. Er erfordert viel Einfühlungsvermögen und Verständnis dafür, dass sich die Person ihrer Wahrnehmung nach in vergangenen Lebensphasen befindet und sich entsprechend verhält. Das koste insbesondere den Angehörigen viel Kraft, vor allem, wenn sie sich selbst um die Betreuung der Erkrankten kümmern, so Prof. Dr. Kolominsky-Rabas.
Gefahren im Alltag
Menschen, die an Demenz erkranken, neigen zudem zu einem starken Bewegungsdrang, und das zu allen Tags- und Nachtzeiten. Gleichzeitig ist dieser oft ohne Ziel oder das ursprüngliche Ziel ist schnell vergessen. Resultat ist, dass Menschen mit Demenz die Orientierung verlieren, was im öffentlichen Raum mitunter lebensgefährlich werden kann. Die Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung wie der am Michelsberg oder im zukünftigen SancuraPark kann hier helfen, stößt aber auch an ihre Grenzen. Denn Ziel soll ja sein, die Menschen nicht einfach wegzusperren. Stattdessen soll ihnen so lange wie möglich die Teilhabe am Leben in Bamberg ermöglicht, aber gleichzeitig ihre Sicherheit gewährleistet werden.
Digitale und ehrenamtliche Unterstützung im Doppelpack
Ein gemeinsames Projekt von Smart City Bamberg und der Sozialstiftung Bamberg verspricht genau das. Aktuell geht viel Zeit verloren, bis bemerkt wird, dass eine Person verloren gegangen ist und vor allem, bis diese wiedergefunden wird. Ein Armband, ähnlich einer Armbanduhr, übermittelt die benötigten Ortungsdaten. Vorab werden virtuelle Sicherheitszonen definiert, ganz individuell nach dem Schweregrad und den Gewohnheiten der erkrankten Person. Verlässt diese ihr definiertes Geborgenheitsniveau, wird eine Benachrichtigung samt der Ortungsdaten an die Anwendung gesendet. „Das System bietet einen klaren Mehrwert für unsere Bewohnerinnen und Bewohner“, erklärt die Projektleitung Jutta Weigand, „Sie können sich in einem definierten Bereich frei bewegen und werden dabei optimal geschützt.“ Das „revolutionäre“ an dem Konzept sei aber die Einbindung von Ehrenamtlichen in die Suche. Denn die Pflegekräfte alleine könnten diese nicht stemmen, auch die Kapazität der Polizei sei begrenzt.
Positive Bilanz nach Testlauf
Nach einem dreimonatigen Testlauf in der Einrichtung am Michelsberg wurde eine positive Bilanz gezogen. Eine Person konnte dank eines ausgelösten Alarms sogar innerhalb kürzester Zeit an einer Bushaltestelle gefunden werden. Es wurden auch viele Gespräche mit Erkrankten, Angehörigen und Pflegekräften geführt. Betroffene und ihre Angehörigen zeigten sich durchweg begeistert und fordern schon jetzt eine solche Lösung. Einige der Pflegekräfte empfanden den Einsatz der Technik zunächst als zusätzliche Belastung. Eine umfassende Schulung aller Beteiligten konnte diese Bedenken mildern. Im Sommer 2025 fanden zudem Interviews mit Menschen statt, die sich die Mitarbeit als Ehrenamtliche vorstellen können. Die Teilnehmenden sahen den Mehrwert und den Nutzen des Projekts, betonten aber die Bedeutung einer verpflichtenden Schulung für den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen. Auch die direkte Unterstützung durch die Pflegeeinrichtungen sowie eine umfassende rechtliche Absicherung der Ehrenamtlichen sei essentiell. Kritik kam seitens des Seniorenbeirats hinsichtlich des Datenschutzes.
Freiheitsrecht vs. Datenschutz
„Die Frage nach Datenschutz ist natürlich gerechtfertigt und wird von uns sehr ernstgenommen.“, so Jutta Weigand. Das Projekt wird im Austausch mit einem Betreuungsrichter und unter Berücksichtigung des Betreuungsgesetzes entwickelt. Die Teilnahme daran ist in jedem Fall freiwillig. Letztlich geht es laut Jutta Weigand um eine Abwägung zwischen Freiheitsrecht und Datenschutz: „Um zu verhindern, dass die Standortdaten einer fiktiven Frau Meier an Ehrenamtliche weitergegeben werden, verhindern wir, dass die Dame sich frei bewegen kann – was ist wichtiger?“
Wer den genannten Smart Talk am 23.10.2025 zum Thema “Volkskrankheit Demenz – We Digitalisierung Betroffenen helfen kann” verpasst hat, kann ihn sich auf YouTube anschauen: hier geht es zum Video!